Der Fachwerkführer liegt nun in gedruckter Fassung vor. Er ist weit mehr als nur die Beschreibung des vorgefundenen Zierfachwerks vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert. Vielmehr werden die großen kultur- und kunstgeschichtlichen Linien nachgezeichnet und das vorgefundene Fachwerk eingeordnet und erläutert.
In Wächtersbach gibt es kaum noch Gebäude, die älter sind als der Dreißigjährige Krieg - zu nennen sind hier das Schloss, der Kirchturm und als einziges Fachwerkgebäude das alte Rathaus. Dafür ist aber nicht nur die Blüte des Zierfachwerkbaus um 1700 in Wächtersbach gut abzulesen. Vielmehr gibt es an zentraler Stelle Fachwerk des Historismus aus dem späten 19., aber auch des Heimatstils aus dem frühen 20. Jahrhundert.
In Gelnhausen hingegen sind die geistesgeschichtlichen Brüche vom Humanismus über den Absolutismus zur Empfindsamkeit an der Entwicklung der Mann-Figur besonders gut abzulesen.
Ein wichtiges Ergebnis ist die doppelte gemeinsame Baugeschichte von Fürstenhof (Gelnhausen) und Rumpenheimer Hof (Wächtersbach). Sie wurden bisher irrtümlich auf die Frührenaissance datiert. Nicht nur eine simple stilgeschichtliche Betrachtung, sondern nun auch eine dendrologische Probe stellt klar, dass sie - in ihrer heutigen Form - ca. 130 Jahre jünger sind und die Blüte des Zierfachwerkbaus um 1700 anführen. Damit ist der Rumpenheimer Hof immer noch das zweitälteste Fachwerkgebäude in Wächtersbach.
Völlig ungeplant platzte eine neu aufgeflammte Diskussion in die Recherchen zu dieser Arbeit:
Welche Fachwerkhäuser sollen verputzt werden?
Dazu kommt der Fachwerkführer zu einem klaren Ergebnis: Zierfachwerk ist ein sehr weit gefasster Begriff. Eine Zierfachwerkfassade ist genauso ein Gesamtkunstwerk wie ein Schloss oder ein Landschaftspark - in aller Regel sogar originaler erhalten als diese, die häufig umgebaut oder dem jeweiligen Zeitgeschmack unterworfen wurden. Die neu aufgeflammte Debatte um die Verputzung von Fachwerkhäusern sollte dringend vor diesem Hintergrund geführt werden. Die Entscheidung einer Verkleidung von Fachwerkfassaden ist eben keine rein individuelle, fallweise zu treffende Entscheidung. Dabei ist auch die historische Motivation zu einer früheren Verputzung zu berücksichtigen.
Fachwerk ist ein Thema von allgemeinem Interesse. Ältere berichten, dass das früher in Hessen sogar Schulstoff war. Der Altstadtförderverein freut sich, dass er mit dem Fachwerkführer eine Arbeit herausgeben kann, die den Bogen vom Allgemeininteresse zur Fachwerkforschung schlägt.
Nachstehend sind einige Fotos zu sehen von maßgeblichen Fachwerkhäusern, die im Fachwerkführer keinen Platz mehr fanden.
Rathaus Grünberg in Gesamtansicht
Barockes Hochhaus in Wächtersbach
Wächtersbach: Die barocken Männer von der Titelseite mit verzierten Köpfen
Wächtersbach: Die überholte Datierung des Rumpenheimer Hofs
Michelstadt Kellereihof:
Mittelalter, Übergangszeit und Renaissance
Michelstadt Kellereihof:
Mittelalter und Renaissance
Hailer: Detail Bürgermeisteramt mit Datierung
Grünberg: Schwungvolles Barock/Rokoko mit Profil-Halbmännern, Feuerböcken und verzierten Rauten
Grünberg: Marktplatz/Alsfelder Straße. Verzierte und unverzierte Feuerböcke, Sonnensymbole, Halb-Hessenmänner und strahlenförmige, durchkreuzte Rauten
Esslingen am Neckar verfügt über bedeutendes Historismus-Fachwerk und prächtiges Renaissance-Fachwerk. Es gilt aber gleichsam als "Mekka" des mittelalterlichen Fachwerkbaus.
Hier das vielleicht älteste Fachwerkhaus von Deutschland:
Heugasse 3 von 1261/1262.
Durch den Torbogen im steinernen Untergeschoss blickt man in einen tiefen Keller.
Der Fachwerkbau kragt über den Steinbau vor.
Im Hintergrund ist das alte Rathaus zu sehen mit typischem schwäbisch-alemannischem Zierfachwerk aus dem ausgehenden Spätmittelalter.
Hafenmarkt 2 von 1328/1329
Zwei Stockwerke mit mittelalterlichen Fußbändern und Schwertungen.
1977 wiederentdeckt und freigelegt.
Hafenmarkt 10 von 1331
Auch hier mittelalterliche Fußbänder und Schwertungen.
Im Hintergrund das alte Rathaus.
Obertorstraße/Charlottenplatz von 1348, damit so alt wie das Gotische Haus Gelnhausen (Das abgebildete Haus liegt außerhalb der eigentlichen Altstadt.)
Als einziges Gebäude des Straßenzugs Eingang unter Straßenniveau.
Mittelalterliche Fuß- und Kopfbänder bzw. eine diagonale Schwertung.